Themen

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt – Intersektionalität – Inklusion

Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt

Seit vielen Jahren ist in den westeuropäischen Ländern eine stärkere Betonung des_der Einzelnen zu beobachten, der den_die Einzelne in den Fokus wirtschaftlichen und sozialen Interesses rückt. Mit Blick auf das Individuum wird deutlich, dass Menschen höchst vielfältig sind. Im Konzept von Vielfalt wird zwischen verschiedenen Dimensionen unterschieden, die auf die Persönlichkeit eines Menschen einwirken und diese aber auch wiederum die Dimensionen prägt und gestaltet (z.B. Gardenwartz und Rose): Mit der inneren Dimension werden persönliche Merkmale erfasst, wie Alter, physische und psychische Befähigung, ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentitäten. In der äußeren Dimension kommen Merkmale wie Ausbildung, Berufserfahrung, Religionszugehörigkeit, Elternschaft, Auftreten, Einkommen und Gewohnheiten zu tragen. In der organisationalen Dimension schließlich werden  Arbeitsinhalte, berufliche Position, die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft oder der Arbeitsort erfasst.

Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Aspekten von Vielfalt wirft Fragen auf, beispielsweise:

  • Wie erkenne ich strukturelle Diskriminierungen wegen einer Behinderung, wegen der sexuellen Orientierung oder wegen der Geschlechtsidentität?
  • Wie kann eine Organisation Benachteiligungen und Beeinträchtigungen wegen eines der Diskriminierungsmerkmale entgegenwirken?
  • Wie gehen wir damit um, wenn Geschlechtsidentität und (heteronormative) „Lesart“ (also wie eine Person von anderen „gelesen“ wird) von einander abweichen?
  • Wie gehen wir mit denjenigen um, die sich keiner Geschlechtskategorie zuordnen wollen oder können?

Diese Fragen führen zwangsläufig zu zentralen Themen in den Bereichen Antidiskriminierungsarbeit, Gewaltprävention und -intervention:

Rechtliche Rahmenbedingungen

Welche Diskriminierungsmerkmale werden im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz benannt?

  • Wie muss Diskriminierung dokumentiert werden?
  • Gibt es Situationen, in denen das AGG nicht zur Anwendung kommen kann?

Das deutsche Transsexuellengesetz:

  • Forderungen von Transidenten-Verbänden zu rechtlichen Regelungen
  • Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte

Die Eingetragene Lebenspartnerschaft

  • Rechtliche Regelungen zur Überlassung der Wohnung bei Trennung
  • Fehlende rechtliche Gleichstellung

Frauenspezifische Einrichtungen und Transsexualität

  • Was haben männlich und weiblich konnotierte Verhaltensweisen mit frauenspezifischen Einrichtungen zutun?
  • Dürfen Transmänner in frauenspezifische Einrichtungen?
  • Wie gehe ich als Mitarbeiter_in mit Konflikten zwischen Nutzer_innen der Einrichtungen wegen der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität um?
  • Was bedarf es, damit sich lesbische Frauen oder Transfrauen in frauenspezifischen Einrichtungen angenommen fühlen?

 Dynamiken häuslicher Gewalt in gleichgeschlechtlichen und trans* Beziehungen

  • Gibt es (lesbische) Frauen als Täterinnen häuslicher Gewalt?
  • Gibt es (schwule) Männer als Opfer häuslicher Gewalt?
  • Gibt es spezifische Dynamiken oder Aspekte bei einer trans* Partner_innenschaft?
  • Wie unterscheiden sich die Gewaltdynamiken in gleichgeschlechtlichen und trans* Partner_innenschaften von denen in gegengeschlechtlichen Beziehungen?
  • Welcher Angebote bedarf es, Lesben, Schwule und Trans*Personen gezielt anzusprechen? Ist das überhaupt notwendig?

Intersektionalität

Der Analyseansatz der Intersektionalität stammt aus den Vereinigten Staaten und beschreibt den Umstand, dass Menschen höchst selten wegen nur eines Merkmals Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren, sondern mehrfach diskriminiert werden. Intersektionalität bezieht sich allerdings meist nur auf drei  Merkmale: soziale Klasse – ethnischer Herkunft – Geschlecht. Schon bald wurden diese Merkmale erweitert um jene, die in der inneren Dimension von Diversity benannt werden: sexuelle Orientierung und Behinderung. In Deutschland gab es Ende der 80er Jahre und zu Beginn der 90er Jahre Bestrebungen, Religionszugehörigkeit, insbesondere Antisemitismus, einzubeziehen (vgl. M. Ayim, I. Hügel-Marshall, I. Bubeck et.al.: Entfernte Verbindungen, Orlanda Frauenverlag).

Mich führt die Diskussion um Intersektionalität zu nachfolgendem Thema:

Der Einfluss von Mehrfachdiskriminierung auf die Biografien Betroffener am Beispiel von ethnischer Herkunft und sexueller Orientierung

  • Welches sind zenrale Diskriminierungskategorien?
  • Darf oder soll man Diskriminierungsmerkmale hierarchisieren?
  • Inwiefern wirken Mehrfachdiskriminierung verstärkend auf die Vulnerabilität einer Person, bzw. mildern Privilegierungen Effekte von Diskriminierungen ab?
  • Warum ist es schwierig, für Menschen mit unterschiedlichen Diskriminierungsmerkmalen eine gemeinsame Basis zu finden?
  • Wie muss der Aspekt „Mehrfachdiskriminierung“ in der sozialpolitischen Arbeit zu tragen kommen?

Inklusion

Das Thema Inklusion wird gegenwärtig im Kontext von Behinderung und Bildung aufgegriffen. Das zentrale Element von Inklusion ist eine Wertschätzung für die Vielfalt von bzw. auch die Unterschiedlichkeit zwischen Menschen, wobei ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen ermöglicht werden muss.  Ich meine jedoch, dass das Begriffsverständnis erweitert werden sollte auf andere Dimensionen wie Migrationsbiografie, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und Alter.

Im Gegensatz zur Integration bleibt Inklusion  nicht bei der Forderung stehen, dass beispielsweise Menschen mit geringen Deutschkenntnissen die Sprache in Wort und Schrift erlernen oder verbessern sollen, um auf dem Arbeitsmarkt einen Chance zu haben. Sondern Inklusion fragt, welche Strukturen geschaffen werden müssen, damit sie ihre Deutschkenntnisse verbessern können. Oder welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit Schüler_innen mit Behinderungen der Zugang zu einer Regelschule ermöglicht wird.